«Werbung, Flutlicht. Die Falter sind dann alle tot.»

Ein lüpfiges Gespräch mit dem Insektenforscher über die Invasion der kleinen Tierchen am EM-Final.

Keine Schädlinge: Pierluigi Collina, Chef der Uefa-Schiedsrichterkommission, wird während des EM-Finales von Gamma-Eulen attackiert. Foto: Carl Recine (Reuters)

Keine Schädlinge: Pierluigi Collina, Chef der Uefa-Schiedsrichterkommission, wird während des EM-Finales von Gamma-Eulen attackiert. Foto: Carl Recine (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Millionen Nachtfalter haben das EM-Finale in Saint-Denis begleitet. Aus Sicherheitsgründen waren die Scheinwerfer des Stadions in der Nacht vor dem Spiel angeschaltet geblieben – auch die leuchtende Bandenwerbung und die grellen Trikotfarben wirkten offenbar anziehend. Ein Gespräch mit Insektenforscher Thomas Schmitt, Direktor des Senckenberg Deutschen Entomologischen Institutes in Müncheberg.

Für Sie als Fachmann muss das Geflatter während des Finales doch eine tolle Sache gewesen sein.
Meinen Sie? Ich habe das Spiel gar nicht gesehen. Sport im Fernsehen interessiert mich nicht.

Nicht? Aber als Entomologe hätte Ihnen das wirklich viel Freude gemacht. Ich maile Ihnen mal ein Foto zu. Sehen Sie?
Oh, das sieht nach Autographa gamma aus. Gamma-Eule. Aus der Familie der Eulenfalter. Beachten Sie die weisse Zeichnung auf den Flügeln. Die erinnert an den griechischen Buchstaben. Kein Zweifel.

Davon flogen Millionen durchs Fussballstadion.
Die Gamma-Eule ist eine häufige Art, die gerne wandert. Kommt auch in Deutschland vor. Wo war denn das Endspiel?

Natürlich in Saint-Denis.
In Paris gibt's aus dieser Gruppe nur Gamma, Jota und Pulchrina. Und mit Abstand am häufigsten ist die Gamma-Eule. Das sind meist keine Schädlinge. Im Gegenteil, sie sind Nahrung für Fledermäuse und Vögel und so weiter.

Es war DAS Bild des EM-Finals und zwar im mehrfacher Hinsicht: Der verletzte Ronaldo hat einen Nachtfalter im Gesicht.

Sportler und Kommentatoren hatten sich Sorgen gemacht, die Insekten könnten das Spiel negativ beeinflussen.
Ach ja? Da sieht man mal, was der Fussball für ein Drama für all die Nachtfalter ist.

Wieso?
Na, die Insekten sind doch anschliessend alle im Eimer! Die leuchtende Bandenwerbung, das Flutlicht. Da sind die anschliessend alle tot.

Ja und?
Gerade Nachtfalter übernehmen im Ökosystem die Dienstleistung der Bestäubung. Verstehen Sie? Die sind fast so wichtig wie die Bienen. Es gibt sehr viele Pflanzen, die von ihnen nachts bestäubt werden. Nachtfalter sind extrem wichtig. Und zahlreicher als ihre Kollegen, die Tagfalter.

Im ARD-Studio war man sich einig: Das Fussballfeld ist voller «Motten».
Nachtfalter! Es sind Nachtfalter! Echte Motten sind nur ein kleiner Teil der Nachtfalter, die mehr als 100'000 Arten aufweisen.

Wär's denn sehr schlimm, wenn's bald keine Gamma-Eulen mehr gäbe?
Aber sicher. Wenn es die nicht mehr gibt, dann fällt eine wichtige Nahrung für jene weg, die Mücken und Bremsen fressen.

Das Spiel Frankreich - Portugal war also eine entomologische Katastrophe?
Es wäre zumindest dumm, wenn der massenhafte Tod einen Grossteil der Leute kaltlassen würde.

In der TV-Berichterstattung aber ging es nicht vornehmlich um diesen Aspekt.
Die Uefa soll doch lieber mal die nur ökonomischen Zwecken dienende Bandenwerbung ausschalten. Aber die Ökonomie ist für diese feine Gesellschaft wohl doch die wichtigste Antriebsfeder. Erinnern Sie sich an die Zeit, da jede Dorfdisco nachts hoch in den Himmel strahlte?

Na klar.
Vogelschützer haben erreicht, dass zumindest in den Hauptzeiten des Vogelzugs nicht gestrahlt wird. Die Lichtkegel haben die Zugvögel so irritiert, dass die nicht mehr nach Afrika gefunden haben. Deshalb wäre es jetzt auch endlich mal an der Zeit, über die Abschaffung der elektrischen Bandenwerbung nachzudenken.

McDonald's, Energy of Azerbaijan?
Ja. Millionen Insekten pro Spiel durch so was sterben zu lassen, das ist wirklich keine gute Idee. In vielen Städten ist man zum Glück schon viel weiter und hat Quecksilberdampflampen durch insektenfreundlichere Beleuchtung ausgetauscht. Davon sollte auch der Fussball lernen.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 12.07.2016, 08:36 Uhr

Thomas Schmitt (48) ist Direktor des Senckenberg Deutschen Entomologischen Instituts und Professor für Insektenkunde an der Universität Halle-Wittenberg. Der Biologe gilt international als Nachtfalter-Experte. Foto: PD

Die Gammaeule (Autographa gamma), auch Pistoleneule genannt, ist ein Falter aus der Familie der Eulenfalter. Foto: Olaf Leillinger (Wikimedia)

Artikel zum Thema

Die Motten im Stadion, das Siegtor zur Freude

Video Der EM-Final im Überblick: Was zu reden gab und warum viele den Blick zurück auf 2004 warfen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

KulturStattBern Nummern schieben

Von Kopf bis Fuss Dünn, dünner, Victoria-Beckham-Model

Die Welt in Bildern

Zusammen Pferde stehlen?: Diese drei Isländer stecken ihre Köpfe auf der Pferdekoppel im deutschen Wehrheim zusammen. (16. Januar 2018)
(Bild: AP Photo/Michael Probst) Mehr...