Wo «wüehlige» Worte sich tummeln

Mit dem Wortfächer zum Berner Mundartautor Rudolf von Tavel wird vom Berner Verlag vatter&vatter eine neue Edition zu Deutschschweizer Literaten lanciert.

Sprachliche Eigenheiten eines Autors, auf 55 Begriffe gebracht: Dieser Wortfächer macht sich doch gar «möhrig».

Sprachliche Eigenheiten eines Autors, auf 55 Begriffe gebracht: Dieser Wortfächer macht sich doch gar «möhrig». Bild: Adrian Moser

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Auf dem gelben Titelblatt des Wortfächers schaut die noble Erscheinung mit den fein geschnittenen Gesichtszügen und der randlosen Brille in die Ferne: Ob Rudolf von Tavel (1866–1934), Berner Patrizierspross und Autor von historischen Mundartromanen wie «Jä gäll, so geit’s» und «Ring i der Chetti», wohl über neue Wortschöpfungen sinniert? In 55 Begriffen können Sprachwitz und Facettenreichtum von Rudolf von Tavel mit kurzen Textbeispielen jetzt in Wortfächern sinnlich erlebt werden: von «Ändifinke» (für: Hausschuhe aus Wollresten) über «Mülisteichrage» (für: Halskrause) bis zu «ziggle» (für: zanken, streiten, sich necken).

«Es geht uns vor allem darum», sagt Verleger Matthias Vatter, «einen alternativen Zugang zu Schriftstellerinnen und Autoren aus der Schweiz zu schaffen, die sich durch die Nutzung einer eigenen oder eigentümlichen Begriffswelt auszeichnen.» Durch sonderbare Wörter also, durch Lautmalereien oder gar mit selbst erfundenen Wortwelten. Im Fall von Rudolf von Tavel ist es vor allem die prägnante Verwendung bestimmter Ausdrucksweisen aus dem mit französischen Begriffen durchsetzten patrizischen Stadtberner Dialekt.

Da tritt vom «Chudeluri» zum «Ganggel» so manche denkwürdige Figur auf, es wird «poleetet», «byschtet» und «borzet», und hin und wieder geht auch etwas «lätz». Es ist eine Begriffswelt, die heute kaum mehr im Gebrauch ist – und dennoch auch für heutige Lesende reizvoll und anregend sein kann.

Eintauchen in den Sprachkosmos

Matthias Vatter und seine Schwester Anja haben uns bereits berndeutsche Wortfächer mit «Flüech & Schlämperlige» und mit «Ybbürgerete Usländer» geschenkt, mit facettenreichen Adjektiven und Komplimenten. Jetzt aber wird die Wortfächer-Edition des Berner Geschwisterpaars erweitert. Sie betreiben eine AG für «wort-bild-kultur» und sind bereits mit ihren attraktiv gestalteten Wimmelbüchern zu verschiedenen Schweizer Städten aufgefallen.

Von Anfang an haben Matthias und Anja Vatter die Wortfächer als neues Publikationsformat und damit als «Format-Familie» verstanden, die in unterschiedlichen Serien oder Editionen veröffentlicht werden können. Die neue Wortfächer-Reihe erlaubt es, den Sprachkosmos einzelner Autoren im handlichen, gedruckten Publikationsformat zu erleben. Dank der Quellenangabe können Interessierte die Textseite im Werk des Autors auffinden und weiterlesen. Matthias Vatter ist überzeugt, dass die Wortfächer durch ihr innovatives Format und die wissenschaftlich aufgearbeiteten Inhalte sowohl im privaten Bereich als auch für didaktische Zwecke eingesetzt werden können. Natürlich ersetzt der Wortfächer nicht die Lektüre der Werke, aber er ermöglicht eine spielerische Annäherung an das jeweilige Œuvre.

Für den Start der Reihe setzen Matthias und Anja Vatter mit Rudolf von Tavel bewusst auf einen bekannteren Autor. Bereits sind sieben weitere Wortfächer in Planung, die 2019 und 2020 erscheinen sollen. Melinda Nadj Abonji gehört ebenso dazu mit ihren serbisch-deutschen Wortkreationen wie Hermann Burgers Neologismen, Erica Pedrettis Textcollagen und Robert Walsers mundartliche Einsprengsel.

Gotthelf und Camenisch

Auch die Sprachexperimente der Berner Lyrikerin Andrea Maria Keller werden mit einem Wortfächer gewürdigt, weiter die rätoromanischen Wendungen von Arno Camenisch und die sprachlichen Eigenheiten von Jeremias Gotthelf. «Unser Ziel ist es», sagt Matthias Vatter, «eine ausgewogene Mischung zwischen Klassikern, bekannteren Schriftstellern sowie jüngeren und aktuell diskutierten Autoren zu finden.»

Der Wortfächer «Rudolf von Tavel» (19 Fr.) ist im Buchhandel und online über www.vatterundvatter.ch erhältlich. (Der Bund)

Erstellt: 13.06.2018, 06:19 Uhr

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