Tiefgründiges im Unspektakulären

Elisabeth Schrom gibt mit 69 Jahren ihr Debüt «Herbert­geschichten» heraus und überzeugt dank schlichter, präziser Sprache und liebevoller Charakterisierung.

Mit 69 das Romandebüt: Elisabeth Schrom.

Mit 69 das Romandebüt: Elisabeth Schrom. Bild: Youtube

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Eine Frau fehle ihm nicht. Höchstens eine Putzfrau, erklärt Herbert seinem besten Freund Rudolf beim wöchentlichen Treffen im Park. Immer dienstags kommen die beiden Rentner bei der gleichen Bank im Stadtpark zusammen und pflegen dort ihre wortkarge Männerfreundschaft. Während Rudolf mit der verknöcherten Edith verheiratet ist, lebt Herbert seit 30 Jahren allein, hat sich sein Leben aber ganz gut eingerichtet. Klar doch. Manchmal wünscht auch er sich eine Frau. Aber wo sollte er eine Frau unterbringen in seiner Wohnung?

«Aufregend warme Stimmung»

Es ist ein unaufgeregter, etwas verschrobener und vorsichtiger Charakter, den die 69-jährige Elisabeth Schrom für ihr Debüt «Herbertgeschichten» entworfen hat. Ihr Herbert ist ein Gewohnheitstier und Sammler, der 127 Spazierstöcke sein eigen nennt und in seiner Wohnung ein Sammelsurium an Bildern, Masken und Figuren aus aller Herren Ländern angehäuft hat. Im Umgang mit Menschen ist er etwas ungelenk, aus der Männerriege ist er ausgetreten, weil ihn der Bauch zunehmend bei den Liegestützen behinderte, und vor Frauen fürchtet er sich ein wenig.

Als Herbert in einer Zeitung auf eine Annonce stösst, in welcher eine Italienerin einen «Ehemann wegen Existenzsicherung» sucht, ist er von der Unverblümtheit der Aussage dermassen angetan, dass er kurzerhand auf die Anzeige antwortet. In der Folge tritt die feurige Ivana in sein Leben, die mit ihren viel zu grossen Füssen und einem «hügeligen Pullover» Herbert in «aufregend warme» Stimmung versetzt. Ivana bringt frischen Wind in sein Leben, ist dann aber doch eine Spur zu temperamentvoll für den zurückhaltenden Rentner, was mit einem Bandscheibenvorfall endet und mit einer Hochzeit, bei der allerdings nicht Herbert der Bräutigam ist.

Die Armee wartet auf den General

Auch wenn Herberts Rentnerdasein in Schroms Erzählung von Alltäglichkeiten und Routine geprägt ist, so ist das Debüt der in Allschwil beheimateten Autorin keinesfalls langweilig. Ganz im Gegenteil. Sie schafft es, mit den vordergründig unspektakulären Herbert-Episoden die grossen Themen der Menschheit abzuhandeln. Das tut Schrom oft nicht explizit, sondern zwischen den Zeilen und zwar in schlichter, schnörkelloser Sprache, wie es dem Wesen ihres Protagonisten angemessen ist. Unaufgeregtheit und Lakonie prägen Schroms Sprachduktus, wobei die Autorin auch eine Vorliebe für kuriose Details und situativen Witz offenbart und mit passenden Vergleichen und Personifikationen starke Bilder schafft. So etwa, wenn sie Herberts 127 Spazierstöcke mit einer strammen Armee vergleicht, die auf ihren General wartet.

Zudem ist die 69-Jährige bei der Gestaltung ihrer Charaktere äusserst liebevoll zu Werk gegangen. So wächst einem nicht nur dieser pragmatische und etwas schrullige Herbert ans Herz, sondern man hegt zwischenzeitlich gar für dessen pedantischen, langweiligen und spiessigen, aber grundverlässlichen Freund Rudolf Sympathie, der im Park alle Spatzen zu kennen glaubt und ein schlechtes Gewissen hat, wenn er die Semmel vergisst, mit der er das Vogelvolk normalerweise füttert.

Der Plural im Titel «Herbertgeschichten» könnte treffender nicht sein für Schroms Erzählung, denn jedes Kapitel ihres Debüts kann auch als eigene in sich geschlossene Episode gelesen werden. Insofern ist ihr Buch auch eine Sammlung erzählerischer Kleinode, Kleinode, die mit wenigen Worten viel mehr sagen als manch 700-seitiger Roman.

Elisabeth Schrom: «Herbertgeschichten», Zytglogge-Verlag, Basel, 2016, 125 Seiten, Fr. 26. (Der Bund)

Erstellt: 01.06.2016, 08:20 Uhr

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