Einer nimmt kein Blatt vor den Mund

Erneut nimmt sich Christian Schmid Redensarten vor: In «Mir stinkts» versteht es der Mundartforscher, uns die Geschichten zu den Sprachbildern spannend unter die Nase zu reiben.

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Nein, Christian Schmid lässt sich nicht einfach «i ds Bockshoorn» jagen. Der bekannte Mundartforscher und langjährige Radioredaktor («Schnabelweid») löst nach eigenem Bekunden fürs Leben gern mit detektivischem Spürsinn sprachliche Rätsel. Dabei saugt er sich allerdings die Erklärungen nicht einfach aus dem Fingern, sondern konsultiert zahlreiche Wörterbücher und benutzt auch das Internet mit seinen Tausenden von Texten im Original als wertvolles Suchwerkzeug.

Nach seinem Buch «Blas mer i Schue» (2013) legt er nun unter dem Titel «Mir stinkts» ein weiteres Werk vor, das sich auf Spurensuche begibt nach der Herkunft von teils noch heute sehr geläufigen Redensarten wie «Eim d Chappe wäsche», «Öpper uf Hände traage» oder «I suur Öpfel bisse».

In die Enge getrieben

Oft sind es aber auch Redensarten, deren verwendete Sprachbilder sich von Berufen oder Handlungen ableiten, die längst verschwunden sind aus unserem Alltag (wie etwa der Handwerker, der einst «Häftli» machte und dabei aufpasste wie eben ein «Häftlimacher»), gleichwohl aber noch von Generation zu Generation weitergegeben werden. Da wäre eben zum Beispiel dieses «Bockshorn» im Sinne von «Jemand lässt sich nicht einschüchtern oder verwirren». Christian Schmid zitiert Belege für die Verwendung der Redensart, die bis ins 15. Jahrhundert zurückgehen.

Bereits im 16. Jahrhundert verwendete Martin Luther die Redensart in seiner Schrift «Von den Schüsseln» (1530) in der Bedeutung von «einschüchtern». Gewisse Herkunftserklärungen zitiert Schmid auch, um sie als abwegig und überflüssig zu verwerfen, denn er weiss: «Redensarten haben in der Regel mit dem ganz gewöhnlichen Alltag zu tun und leiten sich nicht ab von irgendwelchen komplizierten regionalen Geschichten.» Im Falle des Bockshorns ist das gebogene Horn des Schaf- oder Ziegenbocks gemeint, vorne weit offen und sich nach hinten zusehends verengend: Wer also ins Bockshorn gejagt wird, gerät in eine ausweglose Enge.

In seinen 50 ebenso prägnant protokollierten wie vergnüglich zu lesenden Zeitreisen verfolgt Schmid das Auftauchen und die Variationen von Redensarten bis in die frühe Neuzeit, ins Mittelalter und vereinzelt sogar bis in die Antike zurück. Bisweilen wachsen sich die Herkunftsbestimmungen auch zu kleinen kulturgeschichtlichen Exkursen aus: Bei der Redensart «Us em Ermel schüttle» (etwas ohne Vorbereitung und mühsame Arbeit improvisieren) etwa zeigt Schmid, dass sich diese von Anfang an auf die weiten Ärmel der Soutanen von Geistlichen bezog.

Die frühen Beispiele der Redensart beziehen sich denn auch auf die Predigten, deren Verfasser als bequem und oberflächlich kritisiert werden. Nicht einverstanden ist Schmid mit Interpretationen, welche die Redensart mit einer betrügerischen Handlung im Kartenspiel in Verbindung bringen. Leider verbreite auch das Duden-Herkunftswörterbuch aus dem Jahr 2001 diese Mär, schreibt Schmid. Für ihn ist das eine aus der Luft gegriffene Behauptung, wie er überzeugend darlegt: «Eine Karte schüttelt man nicht, weil man sich dabei verraten würde, man zieht sie unbemerkt aus dem Ärmel.»

In seinem kleinen Redensarten-Kompendium hat Schmid hingegen das eine oder andere As im Ärmel, das er gekonnt auszuspielen weiss. Nicht zuletzt bekommt der Leser Geschichten zu Redensarten serviert, die er oft noch selber benutzt, deren Ursprünge aber meist im Dunkeln liegen. Christian Schmid rückt sie kenntnisreich ins Licht. Eine in jeder Beziehung erhellende Angelegenheit.

Christian Schmid: Mir stinkts. 50 Redensarten – Herkunft und Bedeutung. Cosmos-Verlag, Muri bei Bern 2017. 250 S., Fr. 37.90. Buchvernissage: Dienstag 20 Uhr, Buchhandlung Stauffacher Bern. (Der Bund)

Erstellt: 31.10.2017, 06:48 Uhr

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